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Sagen und Märchen

In unmittelbarer Nähe zum Boitiner Steintanz liegt das Dorf Dreetz. Einst feierten die Dreetzer eine prächtige Bauernhochzeit, bei der es hoch her ging und alle lustig und vergnügt waren. Im Übermut kamen einige Bauern auf die Idee, mit Würsten, Broten und Kuchen eine Kegelpartie zu bestreiten. Bevor das erste Lebensmittel über den Waldplatz flog, erschien ein Geist in der Gestalt eines alten Mannes auf dem Fest. Er forderte die Bauern auf, diesen Frevel zu beenden - doch sie hörten nicht und verspotteten den alten Mann sogar. Die Strafe folgte auf dem Fuße: die gesamte Hochzeitsgesellschaft wurde in Stein verwandelt und bildet seit diesem Tag den Großen Steinkreis von Boitin. In der Johannisnacht jeden Jahres soll aus der Brautlade - dem dreizehnten Loch des größten Steines - ein roter Faden heraushängen. Ein Jüngling, der den Mut aufbringt, diesen herausziehen, kann die Hochzeitsgesellschaft erlösen und den Schatz, der in der Brautlade liegt, behalten.

Die drei Steinkreise im Tarnower Forst bei Boitin wurden zwischen dem 6. und 5. Jahrhundert v. Christus errichtet. Bauherren waren die Germanen. Es ist eine der wenigen nennenswerten, oberirdisch sichtbaren Monumente aus dieser Epoche der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns. An der dazugehörigen Sage zeigt sich, wie schnell sich Überlieferungen verändern können, denn die dreizehn Löcher an einem der Findlingsblöcke wurden wahrscheinlich erst Anfang des 19. Jahrhunderts in den Stein gehauen, während die Sage in einer abgewandelten Form bereits 1765 ihre erste Erwähnung fand.

Die Funktion der Steinkreise ist bis heute ein Rätsel für die Forschung. Vorstellbar wäre im Fall des Boitiner Steintanzes, dass es sich um eine kultische Beobachtungsstation zur Konstellationsermittlung kosmischer Objekte handeln könnte. Mithilfe von Natur- und Himmelserscheinungen versuchten die frühen agrarischen Gesellschaften z. B. den richtigen Zeitpunkt für die frühjährliche Aussaat zu bestimmen. Eine weitere Theorie ist, dass es sich bei den Steinkreisen um heilige Plätze handelt, die bis in die Neuzeit ihre Bedeutung für die Gesellschaft hatten. Innerhalb der Steinumrandung schloss man Verträge und Verlöbnisse, man hob die Hand zum Schwur und hielt Gericht. Den Bannkreis durfte man nicht mit Waffen betreten und er gab Asyl für Mensch und Tier. Archäologische Ausgrabungen konnten weder die eine noch die andere Theorie bestätigen. Innerhalb der Boitiner Steinkreise fand man lediglich einige Urnen, was für manche Forscher der Beweis ist, dass es sich bei den Steinkreisen nur um aufwändiger gestaltete Bestattungsplätze handelt. Andere Wissenschaftler dagegen nehmen an, dass die Urnen erst später in die Steinkreise kamen - zur Beerdigung auf geheiligtem Boden.

Solange keine neuen archäologischen Erkenntnisse in Aussicht sind, bleibt die Funktion des Boitiner Steintanzes weiter im Dunkeln. Vielleicht liegt die Wahrheit aber auch im Bereich der Sagen und Mythen: Wenn ein Jüngling den Mut findet in der Johannisnacht den roten Faden aus der Brautlade zu ziehen, werden wir mehr wissen.