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PolitikWirtschaft

Im Herbst 1984 wurde ein mit Stacheldraht umzäuntes Lager in Kavelstorf bei Rostock errichtet. Die Anlage der IMES Import-Export GmbH verfügte über einen Gleis-, wie auch einen Autobahnanschluss und wurde von Anfang an durch Sicherheitspersonal überwacht. Offiziell handelte die IMES mit Gütern wie z. B. Waschmaschinen im Ausland, um Devisen für die Deutsche Demokratische Republik zu erwirtschaften. Die strengen Sicherheitsvorkehrungen und die nächtlichen Konvois zum Lager verunsicherten die örtliche Bevölkerung.
Im Verlauf der friedlichen Revolution forderten die Anwohner, dass der wahre Zweck der Anlage in Kavelstorf aufgedeckt wird. Um die Situation zu entspannen, lud die Geschäftsführung der IMES Import-Export GmbH am 2. Dezember 1989 ausgesuchte Personen zu einem Gespräch ein. Durch Ankündigungen in der Gemeinde und auf der Donnerstagsdemonstration in Rostock erschienen über 300 Menschen auf dem Betriebsgelände. Im Kreuzfeuer der Fragen, gab der Generaldirektor Erhardt Wichert zu, dass die IMES Import-Export GmbH mit Waffen und Munition in Krisengebieten, wie dem Iran, Afghanistan oder Nicaragua, handelte. Von dieser Nachricht in Aufruhr gebracht, erzwangen die Anwesenden die Öffnung der Tore zu den Hallen. Als die Menge die vielen Munitions- und Waffenkisten sahen, herrschte zuerst Stille - dann brach ein Sturm der Entrüstung los. Das Entsetzen über die Lügen der selbsternannten Friedensmacht DDR war so tiefgreifend, dass Tränen der Wut und Erschütterung in den Augen vieler Menschen standen.

24.780 Maschinenpistolen, 1398 Maschinengewehre, 1691 Revolver, Pistolen und Gewehre sowie 198 Karabiner zählte man in den Kisten. Hinzu kamen 53 Millionen Patronen Munition und wie sich erst in den Tagen nach der Enthüllung herausstellte wurden kurz zuvor Panzerfäuste und 502 Dezitonnen Handgranaten vom Gelände geschafft. Die Bürger übernahmen noch am selben Tag die Kontrolle über das Lager, bildeten ein Komitee und gewährleisteten die Überwachung der Waffen.
Deutschlandweit wurde über die Enttarnung der IMES Import-Export GmbH berichtet. Neben dem Antifaschismus war das Friedensgebot eine der Gründungssäulen der Deutschen Demokratischen Republik. Mit ihren Waffengeschäften, die ausschließlich auf Gewinn ausgerichtet waren, verlor die SED weiter an Legitimation und der Umsturz wurde immer unaufhaltbarer. Da die Waffen ein großes Sicherheitsrisiko für die friedliche Revolution bargen, musste schnell entschieden werden, was mit ihnen passiert. Der Vorschlag der Zerstörung wurde abgelehnt, weil die Gefahr für das Dorf zu groß erschien. Am 13. Dezember 1989 begann die Volksmarine mit der Verladung und dem Abtransport.
Die Mitglieder des Runden Tisches in Kavelstorf gaben sich damit nicht zufrieden und wollten zusätzlich rechtliche Konsequenzen für die Verantwortlichen erwirken. Im Februar 1990 teilte der Militärstaatsanwalt Meier mit, dass die geforderten Untersuchungen eingestellt wurden, da der Waffenhandel in der DDR nicht strafbar sei. Alexander Schalck-Golodkowski, zu dessen Imperium als Chef-Devisenbeschaffer die IMES Import-Export GmbH gehörte, hatte sich bereits einen Tag nach der Enttarnung des Lagers in Kavelstorf nach West-Berlin abgesetzt. Zu seinen zweifelhaften Aktivitäten gab es mehrere Verfahren. 1995 wurde er wegen illegalem Waffenhandel zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Was aus den Waffen- und Munitionskisten aus Kavelstorf geworden ist, nachdem die Volksmarine sie abtransportiert hatte, ist unsicher. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch, dass sie am Ende doch in alle Welt verkauft worden sind.



Weiterführende Literatur & Links

  1. Heinz, Michael (2009): "Der Kampf um die Hirne und Herzen der Menschen tobt..." Friedliche Revolution und demokratischer Übergang in den Kreisen Bad Doberan und Rostocker-Land, Kreisverwaltung Bad Doberan.
  2. Kettelhake, Silke (2014): Sonja "negativ dekadent". Eine rebellische Jugend in der DDR, Osburg Verlag GmbH.
  3. Schroeder, Klaus (2011): Die DDR: Geschichte und Strukturen, Reclam Verlag.
  4. Die friedliche Revolution 1989 in Rostock - eine Foto-Dokumentation von Roland Hartig.
  5. Der Spiegel berichtet über den Waffenhandel der DDR (vom 28.09.1992).