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Stories 33: Die Hirten von Röbel

Weg zum Hohen Ufer
Stories 32: #DeinWeg Award
3. Dezember 2018
  1. Folge 33: Die Hirten von Röbel Audiofish Stories 4:25
Brauchtum & Glaube

Ein wohliger Klang ertönt heute in Röbel. Mit alten und neuen Liedern sorgt die ansässige Blaskapelle für echte Weihnachtsstimmung an diesem Samstag Nachmittag. Wie mag es wohl vor 100 Jahren in der kleinen Ackerstadt am Westufer der Müritz geklungen haben? Mit etwas Glück hätten wir ein schräges Tuten und Pusten, laut und ohne erkennbare Melodie gehört. Was für uns verstörend gewesen wäre, hätte bei der damaligen Bevölkerung jedoch ein heimeliges Gefühl ausgelöst.

Das „Tuten“ zu Weihnachten war die Aufgabe der ansässigen Hirten. Durch die biblische Überlieferung haben die Hirten eine angestammte Rolle im weihnachtlichen Brauchtum. Jedoch erklärt sich daraus nicht, warum sie zum Fest in ihre Instrumente pusten wollten. Wir wissen nur, dass schon vor der Reformation die Hirten während der Christmette kräftig in ihre Flöten, Schalmeien und Hörner bliesen. Der mecklenburgische Reformator Nicolaus Gryse beschwerte sich über diese Tradition. Nicht nur den Lärm empfand er als störend, sondern auch dass die Hirten Schafe, Lämmer, Böcke, Ziegen sowie ihre Schäferhunde mit in das Gotteshaus brachten. Die Kirche setzte sich durch und die Hirten verlegten notgedrungen ihr Weihnachtskonzert in das Dorf oder in die Stadt.

Mitte des 19. Jahrhunderts war das Hirtenblasen in den mecklenburgischen Bauerndörfern und Ackerstädten allgemein üblich. Über das ganze Jahr stellte man die Hirten an, damit sie sich um die Kühe, Schafe oder Schweine der Einheimischen kümmerten. An Heiligabend zogen sie von Haus zu Haus, bliesen in ihre Instrumente und gratulierten zu Weihnachten. Als Dank erhielten sie eine exakt angegebene Zuteilung, die meist aus Bier, Naturalien oder Geld bestand. Es handelte sich hierbei wahrscheinlich um einen Vertrag, der vorab mündlich unter den Bauern und den Hirten abgeschlossen wurde. Dieser Vertrag war als Dank für die geleistete Arbeit zu verstehen und gleichzeitig eine Verpflichtung die Tätigkeit im nächsten Jahr fortzusetzen.

Während auf dem Land die freien Hirten durch die Gutsherrschaft überflüssig wurden und damit auch deren Traditionen ausstarben, hielt sich in der Stadt Röbel der Brauch des Hirtenblasens bis in das 20. Jahrhundert. Zu verdanken war dies dem Bürgermeister und der Bürgerschaft. Sie setzten sich für den Brauch ein und verteidigten ihn gegenüber Zugezogenen. Wie sehr die Röbeler Bevölkerung das Hirtenblasen mit ihrer Heimat verband, beweist folgender Bericht der Pastorentochter und Schriftstellerin Wilhelmine Flock aus dem Jahr 1926:

Sobald es dunkelte, zogen die Hirten durch die Stadt mit ihren Tuthörnern und einer brennenden Laterne, auf der der Engel Gabriel dargestellt war. Bei den Pfarrhäusern machten sie zuerst Halt und einer von ihnen trat vor und sprach feierlich: „Die Hirten des Feldes verkündigen die Geburt des Herrn.“ Ach war das schön! Kein Oratorium hat mich in späteren Jahren so ergriffen als wie dies „Tuten“ der Hirten, wenn es im Dunklen geheimnisvoll durch die von Weihnachtsstimmung erfüllten Straßen klang.

Mitte des 20. Jahrhunderts teilte man die städtischen Weiden unter den Ackerbürgern der Stadt Röbel auf. Die freien Hirten wurden fortan auch in Röbel nicht mehr benötigt. Bis 1962 hielten die Nachfahren der Hirten ihre Tradition am Leben. Es fehlte jedoch nicht nur an Nachwuchs, sondern auch an Rückhalt aus der Politik, da sich die Deutsche Demokratische Republik das Ziel setzte, die christlichen Bräuche aus der Öffentlichkeit zu verbannen.

Heutzutage wird das Hirtenblasen in Mecklenburg-Vorpommern nur noch vereinzelt praktiziert. Das „Tuten“ ist uns nicht mehr vertraut, es löst nicht mehr die selben Gefühle aus, wie bei den Mecklenburgern vor 100 Jahren. Jedoch ist es eine schöne Tradition und falls eines Tages die Röbeler Blaskapelle zu viel Glühwein vor dem alljährlichen Auftritt getrunken hat, wird das Tuten der Hirten wieder zum Leben erweckt.