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Stories 21: Friedhof & Schifferkirche

Kolonialwaren als Ideologie
Kolonialwaren als Ideologie
26. Juni 2018
Audioguide Ahrenshoop
Audioguide Ahrenshoop 1.1
4. Juli 2018
  1. Folge 21: Friedhof & Schifferkirche Audiofish Stories 5:06
Architektur

Diese Folge ist Teil der neuen Version des Audioguides Ahrenshoop - "Architektur zwischen Tradition und Moderne".

Seit 1853 pilgerten die Ahrenshooper für Gottesdienst, Kommunion, Taufe und Begräbnis in das mecklenburgische Wustrow. Wegen der maroden Bausubstanz sollte die Wustrower Kirche 1869 einem Neubau weichen. Damit einher ging die Verlegung des Friedhofes, denn bislang waren die Toten rings um die Kirche bestattet worden. Die Wustrower verlangten von der Ahrenshooper Gemeinde, dass sie sich an den Kosten für den Kirchenneubau beteiligen sollten, andernfalls würde man die verstorbenen Ahrenshooper nicht mehr auf dem neuen Friedhof beisetzen. Diese Drohung beeindruckte den damaligen Dorfschulzen nur wenig. Er verfügte, dass auf einem Dünenhang nördlich vom Schulzenhof ein eigener Friedhof angelegt werden sollte und umging damit die Forderung der Wustrower.

Fast einhundert Jahre später bekam Ahrenshoop neben dem Friedhof auch ein eigenes Gotteshaus. Die Idee dazu hatte der Prerower Pastor Wilhelm Pless, aber erst eine glückliche Fügung half bei der Umsetzung. Der Architekt Hardt-Waltherr Hämer weilte um den Jahreswechsel 1949 in seiner Heimat Prerow und nahm sich der Sache an:

Weihnachten 1949, die Werkarchitektenprüfung gerade hinter mir, machte ich Urlaub bei der Familie in Prerow. Dort war zu hören, dass in Ahrenshoop eine Kirche gebaut werden sollte. Am 2. Januar 1950 besuchte ich also Pastor Pless mit der Frage, ob es schon einen Architekten gäbe: Die Kirchengemeinde hätte nichts, außer einem Grundstück in Ahrenshoop. Das sollte ich mal ansehen, Zimmermeister Papenhagen, auf dessen Sommerveranda in Ahrenshoop jetzt Gottesdienst gehalten würde, wüsste über alles Bescheid. Am nächsten Morgen mit dem Fahrrad durch den Darß, um auf dem Grundstück der Kirchengemeinde die möglichen Eckpunkte mit Meister Papenhagen abzustecken. Aber Frau Papenhagen war dagegen: zwischen den Jahren würde die Erde nicht gegraben, sonst gäb´s im neuen Jahr ein Grab. Deshalb kam es nur zu einer Skizze der Wege und Bäume, mit der ich dann zum Pastor zurück fuhr. Pastor Pless meinte, Prof. Noth (einer meiner Lehrmeister an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, der auch in Prerow zuhause war) hätte sich auch schon interessiert gezeigt, wenn der nichts dagegen hätte, solle ich mal einen Vorschlag machen. Das war vage, aber so fing es an.

Der Bau einer Kirche fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war eine geistige, politische und materielle Herausforderung. Der junge Architekturstudent Hämer machte sich frisch ans Werk und es vergingen nur neun Monate vom Auftrag für den Vorentwurf bis zur Baugenehmigung - ein Wunder, dass nur kurz währte. Die staatlichen Organe, sowie der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung versuchten mit allen Mitteln den Kirchenneubau zu manipulieren. Gespendete Baumaterialen wurden an der innerdeutschen Grenze beschlagnahmt, das Grundstück musste getauscht werden und ein Baustopp wurde verhängt, weil das ganze Dorf plötzlich unter Denkmalschutz stand. All diese Versuche konnten durch das Engagement des angehenden Architekten unterbunden werden. Am 14. Oktober 1951 wurde die neuerbaute Ahrenshooper Schifferkirche mit der Taufe des Sohnes von Hardt-Waltherr Hämer eingeweiht.

Es fällt leicht, dieser kleinen, vielseitig nutzbaren Kirche mit Sympathie zu begegnen. Die Konstruktion ist modern, ohne überflüssiges Dekor, aber trotzdem mit Charakter und einer lichten Raumstimmung. Hämer hatte eine Kirche gebaut, die zur Atmosphäre des Ortes und der umgebenden Landschaft passte. 2001 gründete sich zum fünfzigjährigen Jubiläum ein Förderverein, der sich bis heute für den Bestand und die Restaurierung der Schifferkirche einsetzt. Für den Architekten Hardt-Waltherr Hämer wurde die Erneuerung und Erweiterung des denkmalgeschützten Baus eine seiner letzten Lebensaufgaben. Am 27. September 2012 starb Hämer in seiner Wahlheimat Ahrenshoop und wurde auf dem kleinen Friedhof nahe der Schifferkirche beigesetzt.