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Stories 18: Eine unvollendete Burg

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Politik

Auf der Halbinsel Reppin, die in den Schweriner Innensee ragt, steht eine Burg, die 1907 bewusst als Ruine angelegt wurde. Hinter der unvollendeten Burg versteckt sich ein Schicksal das Ende des 19. Jahrhunderts die Öffentlichkeit berührte. Der Herzog Friedrich Wilhelm zu Mecklenburg war als Kommandant eines Torpedobootes bei einem Unglück auf der Nordsee seines Lebens beraubt worden. Mit ihm starben sieben Mann seiner Besatzung, nachdem das Torpedoboot von der See zum Kentern gebracht worden war. Per Telegramm erreichte die Nachricht die Regentenfamilie des Herzogtums Mecklenburg-Schwerin und verbreitete sich über die Zeitungen im ganzen Land.

Friedrich Wilhelm zu Mecklenburg, Sohn des Herzogs Friedrich Franz II., entdeckte schon früh sein Interesse für das Militär. Im Alter von gerade mal 10 Jahren besuchte er zusammen mit seinem Vater ein vor Kiel durchgeführtes Flottenmanöver der Kaiserlichen Marine. Knapp sieben Jahre später, am 10. April 1888, besteht er die schriftliche sowie die mündliche Eintrittsprüfung und beginnt damit seinen Dienst in der Kaiserlichen Marine. Trotz seiner Herkunft wird dem Herzog in seinen Lehrjahren nichts geschenkt. Er durchläuft die Ausbildung auf dem Schulschiff Niobe und muss, wie alle anderen Aspiranten, hart arbeiten, exerzieren und alles über die Schifffahrt sowie die Artillerie erlernen.

Liebe Mama, heute ist Sonntag. Ich sitze in meiner Kammer und schreibe. Wir haben eben gegessen. In der Kadettenmesse gebe ich das Zeichen zum Setzen und Aufstehen bei Tisch. Meine Kameraden sind sehr nett. Heute habe ich meinen ersten Sergeanzug bekommen. Ich schreibe in so kurzen Sätzen, weil ich dann mehr schreiben kann und ich bei dem Skandal sonst keine Ruhe habe. In den Hängematten schläft es sich sehr gut. Aber das Zurren derselben ist ein ganz verfluchtes Stück Arbeit. Das Leben hier an Bord ist famos. Jetzt kommt die Ordonannz mit den Briefen, vielleicht hat einer von Euch geschrieben! Nun adieu, ich muss schließen. Dein gehorsamer Sohn Friedrich Wilhelm, Kadett der Kaiserlichen Marine.

1891 wird Friedrich Wilhelm Offizier und übernimmt, nach einigen weiteren Fahrten, sein erstes und gleichzeitig letztes Kommando auf dem Torpedoboot S 26. Nach der Teilnahme an einem Übungsmanöver, verlässt die Division am 22. September 1897 um 5 Uhr morgens Wilhemshaven, um die Heimatfahrt anzutreten. Zwar herrschte ein starker Wind, doch konnten ähnliche Situationen bisher problemlos gemeistert werden. Ein erster Unfall passierte gegen 08:00 Uhr, als ein Matrose des Bootes S 27 von Bord gespült wurde und daraufhin ertrank. Nur kurze Zeit später wurde das Torpedoboot S 26 von einer aufgelaufenen Welle erfasst und zum Kentern gebracht. Kieloben schwamm es auf der immer stärker aufbrausenden See. Alle Rettungsversuche scheiterten, weshalb die Offiziere und Mannschaften der übrigen Division hilflos zusehen mussten, wie das verunglückte Boot versank. Friedrich Wilhelm wurde von der Wucht der aufprallenden Wassermassen durch die offene Turmtür unter Deck geschleudert. Neben ihm befanden sich dort noch weitere Mitglieder der Mannschaft, von denen sich nur der Heizer Leckebusch retten konnte. Ihm verdankt die Nachwelt einen Bericht über die letzten Minuten im Leben des Herzogs. Nachdem Friedrich Wilhelm erkannt hatte, dass die seelische und körperliche Verfassung seiner Matrosen eine Rettung ausschloß, versuchte er die Lage durch ein Gebet zu beruhigen. Einzig den Heizer forderte er auf, die gefährliche Rettung zu wagen. Es wird angenommen, dass der Herzog daraufhin versucht hat, sich auf dem selben Wege zu befreien, es aber nicht schaffte seine Kleidung und die Stiefel abzulegen. Erst eine Woche später konnten die Leichen aus dem versunkenen Boot geborgen werden.

Mit einer großen Beerdigung wurde Friedrich Wilhelm zu Mecklenburg am 5. Oktober 1897 im Schweriner Dom beigesetzt. Zur Erinnerung an sein Leben wurde auf einem Aussichtspunkt der Halbinsel Reppin ein Gedenkstein errichtet. 1907 wurde im Auftrag der Gemeinnützigen Gesellschaft die Burganlage hinzugefügt. Eine unvollendete Burg für ein unvollendetes Leben erinnert bis heute an die kurze Zeit auf Erden des Herzogs Friedrich Wilhelm zu Mecklenburg.