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KunstGesellschaft

Von der aufkommenden Freilichtmalerei inspiriert, zog es die junge Malergeneration Europas in der Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus in die Natur. In den kleinen Dörfern fernab der hektischen, anonymen Metropolen schlossen sie sich zu Arbeitsgemeinschaften zusammen und gründeten wahre Künstlerkolonien. So geschah es auch in Schwaan bei Rostock. Im Gegensatz zu anderen Künstlerorten wie Skagen, Ahrenshoop oder Worpswede, waren es in Schwaan einheimische Maler, die den Anstoß zur Gründung der Kolonie gaben. Als zentrale Persönlichkeit der Künstlerkolonie galt der Maler Franz Bunke. 1857 als Sohn eines Mühlenbauers in Schwaan geboren, träumte Bunke schon als Kind davon Künstler zu werden. Als Schüler von Theodor Hagen an der Weimarer Malschule, setzte sich Bunke intensiv mit der Idee der Freilichtmalerei auseinander. In der vorlesungsfreien Zeit brachte er zuerst Kommilitonen aus Weimar mit - später, nachdem er selber zum Lehrer aufgestiegen war, folgten ihm seine Schüler und Schülerinnen in die Heimat zum Naturstudium. Unterkunft fanden Bunke und seine Kollegen im elterlichen Wohnhaus in der heutigen Wallstraße. 1925 erinnerte sich Franz Bunke für die Mecklenburger Monatshefte an seine ersten Malversuche in eben jener Heimstätte.

Es steht noch lebhaft in meiner Erinnerung, wie mein Vater für mich den ersten Tuschkasten mitbrachte und mir abends bei trüber Öllampe zeigte, Holzschnitte oder Zeichnungen zu kolorieren. Ich war ein Junge von fünf Jahren und empfinde noch die heilige Andacht, mit der ich aufgemerkt und am nächsten Tag versucht habe, Holzschnitte mit Farben anzustreichen. Aber ich weiß auch noch, wie traurig ich war, als der Vater durch seinen Beruf von Hause fort war und ich mit meinem Tuschkasten und schwarzen Bildern doch nicht zurecht kommen konnte.

Nachher kamen die Schuljahre. Ich bin wohl ein ebenso normaler Schüler gewesen wie alle anderen auch. Besonders fesselten mich die Lehrstoffe, welche die kindliche Phantasie rege machten; Geschichte, Physik und später natürlich die Zeichenstunden, während die anderen Gegenstände, welche lediglich nur den Verstand in Anspruch nahmen, wie z. B. Rechnen, mir gar nichts sagten.

So kam denn die Zeit der Konfirmation heran, wo der Junge nun endgültig einen Beruf ergreifen musste. Maler wollte er werden. Da habe ich mich kurz entschlossen mit meinen Zeichnungen aufgemacht, bin nach Rostock gefahren, ging zum Porträtmaler Paul Tischbein, dessen Wohnung ich schon früher ausgekundschaftet hatte. Mit Herzklopfen durchschritt ich den kleinen, von einer Mauer eingeschlossenen Hof bis zum Hause, darin der Meister wohnte. Alles still; endlich kam eine ältliche Dame mit rotem, vollen Gesicht und fragte nach meinem Begehren, worauf ich dann scheu und ängstlich zusammenstotterte, ob ich Herrn Tischbein sprechen könne. Ja, der läge krank, wurde mir zu Antwort. Aber die Wirtschafterin hatte wohl Mitleid mit dem schüchternen, hochausgeschossenen Jungen, öffnete eine Tür und verschwand. Bald kam sie wieder mit dem Bescheid, ich solle eintreten. Mit andächtiger Scheu stand ich dann zum ersten Mal in einem Maleratelier und sah mich umgeben von allen Requisiten, welche meine Phantasie mir schon längst vorgespiegelt hatte, nur nicht so vollständig, wie es die volle Wirklichkeit war. Ich stand und staunte!
„Mein junger Freund, was wünschen Sie?“ Ein Schritt um die spanische Wand und vor mir im Bett lag mit bleichem Gesicht, umrahmt von dunklen Bart und Haar ein Mann, der mir die Hand entgegenstreckte. Mein Herz ging auf, und ohne Scheu vor so viel Milde, kramte ich meine Zeichnungen hervor. - Nie hätte ich mir träumen lassen, solches Lob und Wohlgefallen aus dem Munde des kranken Künstlers darüber zu vernehmen. Ich wurde als Schüler angenommen und vom Meister Tischbein mit dem Bemerken entlassen, dass er mir Nachricht geben würde, wann er den Unterricht, an dem auch noch andere Schüler teilnahmen, wieder aufnehmen würde. Wer kam wohl glücklicher zu den Eltern zurück als ich? Selbst über das ernste Gesicht des Vaters flog ein leises Lächeln. Nun wurde mit Feuereifer begonnen, war ich doch der angehende Künstler!


Der Erste Weltkrieg beendete das Schaffen der Schwaaner Künstlerkolonie, da eine Vielzahl der Maler in den Kriegsdienst musste. Übrig blieb Franz Bunke, der sich weiterhin seiner Heimatstadt verbunden fühlte. Bis zu seinem Tode im Jahre 1939 kam er regelmäßig nach Schwaan und malte allein oder mit Schülern vor der Natur. Das Elternhaus verfiel zusehends und geriet genauso in Vergessenheit, wie die vergangenen Zeiten der Künstlerkolonie. Heute wird das künstlerische Erbe von Schwaan gelebt und konserviert: In der alten Wassermühle wartet das Kunstmuseum auf interessierte Besucher, während das Wohnhaus von Franz Bunke seit 2009 nach dreijähriger Renovierung eine liebevolle, private Kunstgalerie beherbergt.



Weiterführende Literatur & Links

  1. Brunner, Heiko (2008), Franz Bunke, Verlag Atelier im Bauernhaus.
  2. Brunner, Heiko (2008), Schwaan, Sutton Verlag.
  3. Stadt Schwaan (2005), Schwaan, Redieck&Schade Verlag.
  4. Bunke, Franz (1925), Wie ich zur Kunst kam, und was sie mir ist: Erinnerungen von Franz Bunke, in: Mecklenburger Monatshefte Bd. 1 (1925), S. 574 - 579.
  5. Franz-Bunke-Haus e.V. auf Facebook.