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Stories 3: Das schöne Bleichermädchen

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Sagen und MärchenBrauchtum und Glaube

Über die evangelisch-lutherische Marienkirche in Rostock kann man eine Vielzahl von Geschichten erzählen. Urkundlich erwähnt wurde die frühgotische Vorgängerkirche zum ersten Mal 1232. Ungefähr 60 Jahre später begann der Bau der heutigen dreischiffigen Basilika, welche jedoch erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Über die Zeit durchlebte das Gebäude die Reformation, diente als Universitäts- und Ratskirche und während der Umbruchszeit 1989 als Anlaufstelle für Oppositionelle im friedlichen Kampf gegen das DDR-Regime.

Die folgende Geschichte vom schönen Bleichermädchen spielt an ihrem Höhepunkt vor der Kulisse der Marienkirche, der damaligen zentralen Hauptpfarrkirche von Rostock. Ob diese Geschichte jemals so stattgefunden hat oder über die Jahre mit neuen Details ausgeschmückt wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Jedoch erinnert bis heute eine Glocke im Geläut der Marienkirche an die Geschichte vom schönen Bleichermädchen: 1450 von Rickert de Monkehagen gegossen, leistet die fast 700 kg schwere Glocke mit dem Namen Bleichermädchen auch nach über 500 Jahren tadellos ihren Dienst.

Vor vielen Jahren lebte in Rostock ein armes Bleichermädchen, die wegen ihrer großen Schönheit nicht nur in ihrer Vaterstadt, sondern auch auswärts weit und breit berühmt war. Und nicht allein bildschön war das Mädchen, sie war auch fromm, sittsam und bescheiden. Viele junge Männer näherten sich ihr, teils in guten, teils auch in bösen Absichten; während es einige derselben herzlich gut und aufrichtig mit dem jungen Mädchen meinten, die besten und redlichsten Absichten für sie hegten und sie so gerne zu ihrer ehrsamen Hausfrau machen wollten, hatten Andere nur sündliche und unlautere Absichten auf sie, und ihrer Schwüre und Beteurungen von Liebe und Treue waren nur verstellte Bosheit, eitel Lug und Trug. Und wie es nun einem unschuldigen und unerfahrenen jungen Mädchen leider so oft ergeht, daß sie sich durch Äußerlichkeiten, Glanz und Reichtum blenden läßt und die schönen Reden und Versicherungen unredlicher Menschen für bare Münze nimmt, so ging’s auch dem schönen Bleichermädchen. Bald aber schon sollte das arme, betörte Mädchen aus ihrem kurzen, schönen Traume erwachen. Als nämlich der Mann ihrer Wahl und Liebe, ein steinreicher Kaufmannssohn, seine niedrigen Absichten erreicht, als die Unschuld zu Tode vergiftet war, da wurde sie ihm gleichgültiger; er vernachlässigte sie, und er, der sie sonst alle Tage zwei-, dreimal und öfter besucht, mit dem sie so oft und viel heimlich zusammengekommen, dem sie sich so vertrauensvoll und voller Zuversicht in die Arme geworfen, kam immer seltener und seltener. Da gingen der Armen die Augen auf, sie sah, daß sie hintergangen, schändlich betrogen war.
Inzwischen hatte sich der junge Kaufmannssohn mit einem vornehmen und reichen Mädchen verlobt, und oft dachte er mit Zittern und Zagen daran, wie er es anfangen sollte, um von dem schönen Bleichermädchen, die bereits schwanger von ihm war, wieder abzukommen, ohne daß seine Braut und die Welt etwas von seinem Verhältnisse mit ihr erführen. Als er nun eines Abends nach langer Zeit wieder bei dem armen Mädchen war, als sie beide auf der Bleiche am Wasser auf und nieder gingen, und sie ihm bittere Vorwürfe wegen seines Betragens machte; als sie unter Tränen mit Bitten und Drohungen in ihn drang, endlich das zu erfüllen, was er ihr so oft heilig zugeschworen: sich öffentlich mit ihr zu verloben, sie zu seinem Weibe zu machen und sie so wieder zu Ehren zu bringen, da gab ihm der Böse plötzlich den abscheulichen Gedanken ein: das Mädchen in das Wasser zu stoßen und sich so durch ihren Tod auf immer von ihr zu befreien. Und er tat, wie ihm der Teufel zugeflüstert; schnell fasste er die Arglose, trug sie an das nahe tiefe Wasser und schleuderte sie weit hinein. Als sie untergesunken, als ihre schöne Seele entflohen, da eilte der Mörder scheu von dannen.
Bald fand man die Leiche des ehemals so schönen, so unschuldigen und braven Bleichermädchens. Allgemein glaubte man, dass sie sich selbst ertränkt, um ihre Schande nicht zu überleben; dass aber der reiche Kaufmannssohn nicht nur der Mörder ihrer Ehre, sondern auch der ihres Lebens war, daran dachte Niemand. Doch wußte dies nun auch wohl kein Mensch, so war es doch Gott bekannt. Und Er sorgte auch dafür, dass Alles an den Tag kam; dass die Unschuld gerettet, dass die im Geheimen verübte schwarze Tat entdeckt und dem schändlichen Verführer und Mörder schon hier seine verdiente Strafe wurde.
Denn als am Dienstagabend das Bleichermädchen im Dunkeln, ohne Sang und Klang, wie es dem Selbstmörder zukommt, durch die Straßen der Stadt nach dem Friedhofe gebracht wurde, um dort an der Mauer verscharrt zu werden, da erhellte sich plötzlich die schöne große Marienkirche, alle Lichter brannten in derselben mit einem Male, als werde ein Bürgermeister oder sonst ein Vornehmer der Stadt begraben; die Orgel spielte von selbst einen Choral, so herrlich und rührend, wie ihn der Organist noch niemals vorgetragen, und alle Glocken läuteten so laut, so ernst und feierlich, wie noch nie zu vor.
Und alle Leute stürzten auf die Straßen und schlossen sich entblößten Hauptes dem Leichenzuge an; und Alles rief: „Das ist Gott, der also für die Unschuld spricht!“. Und der Mörder, von den fürchterlichen Gewissensbissen gefoltert, bekannte Alles der schaudernden Menge und lieferte sich selbst dem Gerichte aus.
Und wieder läutete nach einigen Tagen eine Glocke, es war die Armsünderglocke, die einem Mörder auf dem letzten Gange nachtönte. Der zerknirschte Kaufmannssohn wurde hinausgeführt vor die Tore der Stadt, auf den Richtplatz. Reuig kniete er hier nieder. „Vergieb mir, großer Vater im Himmel, und sei meiner armen Seele gnädig!“ rief er laut die Hände erhebend „und auch Du, verzeihe mir, geknickte Unschuld, Du Engel des Lichts!“ setzte er leise hinzu. Dann legte er gefasst sein müdes Haupt auf den Block und empfing den Todesstreich.